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22.5.2026
Eine Rezension zum Stück Der Dachs hat heute schlechte Laune vom Theater Mummpitz am 19.5. im Jungen Theater Regensburg.
von Teresa Holzmann
„Alles gut?" - Schauspieler Özgür Kantar richtet die Frage an die Kinder, bevor das Stück beginnt. Ein kollektives „Ja!" schallt durch das Junge Theater, und dann setzt die selbstkomponierte Musik ein. Es ist kurz nach zehn Uhr morgens, das Publikum an diesem Dienstag ist ein Kindergarten aus Regensburg. Durch ein kurzes Gespräch mit der Kindergartenleitung erfahre ich, dass die Kinder das Stück im Kindergarten mithilfe eines Kamishibai vorbereitet haben (einem japanischen Erzähltheater, bei dem Bilder in einem kleinen Holzrahmen nacheinander durchgezogen werden): die Geschichte ist also bekannt. Manche Kinder erinnern sich auch noch: „Also da ist ein Dachs… und es kommt mal ein Eichhörnchen… und ein Hase… und ein Fuchs.“ Sie wissen nicht genau was jetzt kommt, aber sind von der ersten Sekunde an dabei. So ein Theaterbesuch ist schon aufregend.
DER DACHS HAT HEUTE SCHLECHTE LAUNE ist eine Produktion des Nürnberger Ensembles „Theater Mummpitz“ nach dem Kinderbuch von Moritz Petz und Amelie Jackowski, in der Regie von Andrea Erl. Das Ensemble macht seit vierzig Jahren Kindertheater – mit eigenem Testpublikum und Theaterpädagoginnen, wie ich später erfahre – und das merkt man der Produktion an. Sie ist eher klein gehalten mit zwei Schauspielern und zwei Schauspielerinnen und trotzdem sehr lebendig gestaltet. Ich habe das Gefühl, die Kinder verstehen nicht alles, aber sie sind begeistert und im Theater muss man nicht immer alles verstehen.
Was mich gleich zu Beginn überrascht: Es gibt keinen Vorhang. Die Bühne liegt offen da, seit man den Raum betreten hat. Der Dachs (Sabine Zieser) will eigentlich zuhause bleiben. Schlechte Laune hat er, und mit schlechter Laune geht man nicht unter die Leute. Aber die Laune will gesehen werden. Die Kinder lachen laut, als der Dachs ein Schild mit „Vorsicht!" hochhält. Ein paar der Jüngsten (3) weinen kurz, als er ankündigt, er sei jetzt gefährlich – das Stück ist eigentlich ab vier, die Grenze spürbar. „Ich wär‘ ja schön blöd mit dieser schlechten Laune alleine zuhause zu bleiben.“ Also geht der Dachs doch los, den Weg, den er morgens sonst immer geht. Christine Mertens (Flötistin) hält als Waschbär ein grünes Kleid in die Luft: Sie befindet sich am Waldrand. Die Schauspieler*innen sind gleichzeitig Figuren und Erzähler, wechseln mühelos zwischen beiden: Kleidungsstücke werden Landschaften, Lampions werden Tiere.
Unterwegs macht der Dachs dem Waschbären die Laune schlecht, indem er die Wäsche in den Dreck zieht. Er trifft den Hirsch (Ferdinand Roscher am Kontrabass), der fragt, ob er gut geschlafen hat. Sofort vermiest der Dachs auch ihm die gute Laune. Dann das Eichhörnchen (Özgür Kantar als Gitarrist, der auch die Musik komponiert hat): es will mit ihm spielen, doch der Dachs zerstört seine Nüsse. Und so weiter, durch den ganzen Wald zum Hasen, Fuchs und Igel, die als Lampions in Kisten auftauchen.
Den Wendepunkt bringt die Amsel. Wie sie entsteht, ist einer der schönsten Momente des Stücks. Christine Mertens hängt wieder Wäsche auf, wie vorhin als Waschbär, und aus deinem Kleiderbügel, einem T-Shirt und ein paar Wäscheklammern entsteht plötzlich eine Amsel. Sabine Zieser führt als Dachs ein echtes Gespräch mit ihr, hört zu, denkt nach – obwohl die Amsel kein einziges Wort sagt. Gemeinsam entwickeln sie die Idee eines Fests für alle schlecht gelaunten Tiere.
Am Ende inspizieren die Kinder den Dachsbau auf der Bühne und dürfen den Darsteller*innen Fragen stellen. Viele können sich mit der schlechten Laune identifizieren. „Ich hau dann meine Tür zu“, erklärt ein Kind. Schlechte Laune ist eben ein Thema, das alle Menschen kennen – egal ob Kind oder Erwachsener. Aber die Laune lässt sich manchmal nicht einfach abstellen: sie sitzt neben einem, unsichtbar, will gesehen werden. Wie der Dachs in dem Stück sagt: „Schlechte Laune, blöde Laune, die kommt einfach mit und geht nicht weg." Es ist toll, zu sehen wie die schlechte Laune personifiziert wird und so für die Kinder, aber auch die Erwachsenen greifbar gemacht wird. Eine Frau neben mir im Publikum sagt: „Es sollten sich mehr Erwachsene solche Kinderstücke anschauen.“ Und ich stimme ihr voll zu.
Seit über einer Woche laufen die 40. Bayerischen Theatertage! Von berührendem Schauspiel, spannenden Nachgesprächen, einer Silent Disco, einem Musicalspektakel bis hin zu Tanz in ganz Regensburg gab es Einiges zu erleben!
Die Blog-Rubrik #Seitenblicke verbindet kulturwissenschaftliches Hintergrundwissen mit den Eindrücken und Erfahrungen aus dem Theaterbetrieb. Beim 2. Studentischen Dialog geht es um alten Shakespeare-Stoff neu erzählt, ob man für das Musical SEELE FÜR SEELE die Einführung gebraucht hat und wie sich eine SILENT DISCO anfühlt. Außerdem gab es diese Woche Einblicke hinter die Kulissen und einen Ausblick auf die nächsten Festivaltage!
Diese Blog-Rubrik besteht aus Texten von sieben Studierenden der Universität Regensburg. Diese beschäftigen sich im Rahmen des Seminars „Spot on!“ mit den 40. Bayerischen Theatertagen und bringen unter dem #Seitenblicke ihre kulturwissenschaftlichen Perspektiven in den BTT-Blog ein.