Bayerische Theatertage 26

40. Bayerische Theatertage
Regensburg 2026

„Daiquiri, bitte“ – eine Rezension

© Ali Al-Zubaidi
#BTT26 #Seitenblicke

23.5.2026

Von Yannick Schmidl

Mit UNSER MANN IN HAVANNA brachte das Gostner Hoftheater am 20.5.26 eine Adaption von Graham Greenes gleichnamigem Roman (englisch: „Our Man in Havana“) aus dem Jahr 1958 auf die Bismarckplatz-Bühne. Unter der Regie von Laurent Gröflin und der dramaturgischen Begleitung von Christine Haas bekam das Publikum eine feinsinnige Satire zu sehen, die nach ihrer Uraufführung im September 2025 nun eigens für die 40. Bayerischen Theatertage auf die Bühne zurückkehrte.

James Wormold, ein britischer Expat, der im Kuba der 1950er-Jahre sein Auskommen als Staubsaugerverkäufer sucht, hat es alles andere als leicht. Schleppende Geschäfte, seine Tochter Milly, deren jugendliche Wünsche das ohnehin schon knappe Budget strapazieren, und ein politisch zunehmend instabiles und vorrevolutionäres Kuba setzen ihm gleichermaßen zu. Als eines Tages ein Agent des britischen Geheimdienstes in seinem Geschäft auftaucht, scheint sein Leben eine unverhoffte Wendung zu nehmen. Nach anfänglicher Skepsis lässt sich Wormold schließlich auf das Angebot des eloquenten Anwerbers des britischen Nachrichtendienstes ein – nicht zuletzt aufgrund des in Aussicht gestellten Honorars von mehreren hundert Dollar. Bestärkt von den Ratschlägen seines treuen Freundes Dr. Hasselbacher baut Wormold raffiniert, wenngleich auch etwas naiv, ein imaginäres Spionagenetzwerk auf, dessen angebliche Agenten laufend brisante Informationen liefern. Doch schnell entwickeln die fiktiven Spione ein gefährliches Eigenleben. Ehe sich Wormold nach seiner Berufung als gewöhnlicher Staubsaugerverkäufer zurücksehnen kann, gerät das sorgfältig gesponnene Lügenkonstrukt aus den Fugen – mit fatalen Folgen nicht nur für seinen Freund Hasselbacher, sondern zunehmend auch für ihn selbst.

Das Besondere an dem Stück: Die vier Darstellenden wechseln beinahe im Minutentakt zwischen den verschiedenen Figuren. Selbst die Hauptfigur James Wormold wird von allen vier Schauspielern verkörpert – das funktioniert überraschend gut, da jede neue Szene zumeist mit der direkten Rede einsetzt und so Orientierung schafft. Auf die nötige Aufmerksamkeit des Publikums wird bereits im Einführungsgespräch hingewiesen, insgesamt wirkt die gesamte Inszenierung jedoch keineswegs übermäßig komplex. So verwundert auch die Reaktion des Publikums kaum, die sich in regem Gelächter und immer wieder hörbaren Schmunzeln äußert. Der offene und flexible Inszenierungsziel erlaubt darüber hinaus Interaktionen mit dem Publikum, so haben die Zuschauer*innenkurzzeitig sogar Möglichkeit bei einem Pantomime-Spiel auf der Bühne mitzuraten und eigene Interpretationen reinzurufen. Auch im Umgang mit den Requisiten zeigt sich eine verblüffende Flexibilität. So fungieren Strandliegestühle nicht nur als solche, sondern finden zudem Verwendung als Türen, Staubsauger oder Bartheken. Nicht immer ist das Objekt als solches auf dem ersten Blick zu erkennen, die spielerische Leistung der Darsteller bringt dennoch rasch Licht ins Dunkel. Das Stück wird selbstsicher, routiniert und temporeich dargeboten, auch wenn die für das Gostner Hoftheater ungewohnt großzügige Bühne des Staatstheaters erst auf die vertrauten räumlichen Dimensionen der kleineren Heimatbühne angepasst werden musste. Dies führt zwar zu dem einen oder anderen kleinen Fehltritt, den die Darstellenden jedoch geschickt zu kaschieren wissen.

„Ein Daiquiri, bitte!“ – es würde nicht verwundern, träfe man zu fortgeschrittener Stunde den ein oder anderen Theaterbesucher an diesem Abend noch in einer in der vielen Bars der Stadt mit dem kubanischen Kultgetränk in der Hand. Ein redundant vorkommender Satz, der das Publikum zusammen mit der Sound-Auswahl an Rumba und Son Cubano Songauszügen gedanklich in das ferne Kuba verfrachtet. Neben der Generierung einer authentischen Kuba-Atmosphäre, die für dieses Stück hervorragend funktioniert, lassen sich vor dem Hintergrund thematisierter Spionage, Waffenpolitik und Spannungen während des Kalten Krieges, unverhofft gewisse Referenzen zur aktuellen Weltpolitik ziehen. Auch wenn dies nicht zwingend Intention der aktuellen Inszenierung ist, entfaltet das Stück doch eine ungeahnte Gegenwartsnähe, die über den Theaterabend hinaus zum Nachdenken anregt.

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