Bayerische Theatertage 26

40. Bayerische Theatertage
Regensburg 2026

„Spot on!“ zu Besuch bei SOUND ON! | Eine Rezension

© Gabriela Neeb
#BTT26 #Seitenblicke

16.5.2026

von Anna Höcherl

SOUND ON! lautet der Titel des Tanzkonzerts von Choreographin und Künstlerin Anna Konjetzky. Der Ton wird eingeschaltet, und zwar in vielfacher Hinsicht: Elektronische Klänge erfüllen den Raum, während sich auf der Bühne eine eindringliche zeitgenössische Performance entfaltet, in der sich Körper und Beats mit feministischen Stimmen verbinden.

Das Stück richtet sich an ein junges Publikum und so sitzen an diesem Morgen des 12. Mai vor allem Schulklassen mit ihren Lehrkräften im Jungen Theater und erleben die Inszenierung mit Sängerin Florence Mankenda und Tänzer*innen Sahra Huby, Amie Jammeh und Cary Shiu. Zu Beginn stehen die Künstler*innen versammelt um eine Loop-Maschine, welche sie spielerisch erkunden. Immer wieder bedienen sie abwechselnd die Tasten des Geräts, bewegen sich ausdrucksstark in zeitgenössischem Tanzstil zu den Beats, sprechen in das Mikrophon – und so entsteht ein Rhythmus, den der Komponist Sergej Maingardt aus dem Off in seine elektronische Komposition einbaut. Die Zuschauenden werden live mitgenommen in den Entstehungsprozess der Klangperformance, die das Stück begleitet. Außer der Loop-Maschine und des Mikrofons befinden sich auf der Bühne lediglich vier weiße, quaderförmige Boxen, welche während des Tanzkonzerts auf vielfältige Weisen bespielt werden. Eingeblendete Videos mit Zitaten feministischer Stimmen ergänzen die individuellen Ausdrucksformen der Künstler*innen.

Die vier Performenden entwerfen imaginäre Gegenräume, die nationale und identitäre Grenzen auflösen: „A Queer Country doesn't have borders or nationalities,“ heißt es in einer der Stimmen. Die utopischen Länder bedeuten also die Suche nach alternativen Formen von Existenz in Gemeinschaft. Die gesprochenen Passagen erfolgen vorwiegend in Englisch und Deutsch, teilweise auch in den verschiedenen Muttersprachen der Darstellenden. Die Sängerin äußert in ihrem Rap zentrale Bedürfnisse: „Ich will soft traurig sein können, k.o. sein ... lost!“ Sie lässt sich nach hinten sinken und wird von den anderen behutsam aufgefangen. Erschöpfung und Verletzlichkeit erscheinen dabei durch das gegenseitige Haltgeben als legitime und von der Gemeinschaft geteilte Zustände. Auch mit Formen sozialer Medien wird experimentell gearbeitet, so filmen sich die Künstler*innen live gegenseitig mit einem Handy, als würden sie Content produzieren. Insgesamt greifen Gesichts- und Körperausdruck zusammen mit Musik und Medieneinsatz eng ineinander und verbinden sich zu einer vielschichtigen und -sprachigen Performance, die nicht nur ästhetisch wirkt, sondern zugleich empowernde Momente schafft.

Im anschließenden Nachgespräch suchen Anna Konjetzky, die vier Künstler*innen sowie der Komponist Sergej Maingardt den Austausch mit dem jungen Publikum. Trotz der offenen und nahbaren Atmosphäre reagieren die Jugendlichen eher zurückhaltend. Einzelne Kommentare deuten darauf hin, dass die Vielzahl an Eindrücken, die experimentelle Form und die thematische Dichte der Performance teils als überfordernd wahrgenommen wurden. Dadurch entsteht der Eindruck, dass das junge Publikum nicht vollständig auf die Weise erreicht wurde, wie es von den Künstler*innen möglicherweise beabsichtigt war, auch wenn Momente der Aufmerksamkeit und des Wiedererkennens durchaus sichtbar werden.  Die von Anna Konjetzky im Anschluss formulierten Denkanstöße bleiben dabei über die Performance hinaus im Raum, wie etwa die Frage nach dem persönlichen Wunschland, und regen möglicherweise dazu an, sich auch außerhalb des Schulkontexts weiter mit ihnen auseinanderzusetzen. SOUND ON! macht Kunst als Möglichkeitsraum für Fragen von Identität, Zugehörigkeit und gesellschaftlichen Grenzen erfahrbar, in dem alternative Formen von Gemeinschaft und Selbstverständnis verhandelt werden.

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