Bayerische Theatertage 26

40. Bayerische Theatertage
Regensburg 2026

Zwischen Stasi-Akten und Laubbläsern – Eine teilnehmende Beobachtung der Requisitenarbeit bei DAS SCHWEIGENDE KLASSENZIMMER

© Anna Höcherl
#BTT26 #Seitenblicke

26.5.2026

Von Anna Höcherl

„Bei dem Stück hat sich die Mühe wirklich gelohnt,“ erklärt Chefrequisiteur Frank Buck im Gespräch mehrere Stunden vor der Aufführung von DAS SCHWEIGENDE KLASSENZIMMER. Im Rahmen einer „teilnehmenden Beobachtung“ – einer kulturwissenschaftlichen Forschungsmethode, die durch Beobachtung, persönliche Teilnahme sowie informelle Gespräche Einblicke in soziale Praktiken ermöglicht – begleitete ich das Gastspiel des Mainfranken Theaters Würzburg bei den Bayerischen Theatertagen. Im Fokus standen die Arbeitsabläufe hinter den Kulissen und insbesondere die Tätigkeit des Requisiteurs. Im Laufe der Beobachtung wurde deutlich, worauf sich Franks Aussage bezieht: Auf die sorgfältige Recherche historischer Materialien, die Gestaltung möglichst authentischer Requisiten und die Vielzahl organisatorischer Aufgaben, die bereits lange vor Beginn der Vorstellung erledigt werden müssen.

Als ich die Spielstätte am Morgen des Aufführungstages betrete, sind bereits Mitarbeitende der Technik vor Ort. Schließlich treffen auch Requisite und Kostüm ein. Während im ersten Stock des Antoniushauses die Garderobenplätze der Schauspielenden vorbereitet werden, beginnt Frank mit dem Aufbau der Requisiten. Dabei arbeitet er mit einer detaillierten Requisitenliste, die neben schriftlichen Angaben zahlreiche Fotografien enthält und als Orientierungshilfe bei der Platzierung dient. In mehreren Boxen ordnet er die benötigten Gegenstände auf der Bühne an. Dazu gehören eine große Wanduhr, ein Schallplattenspieler, Tischtennisschläger sowie DDR-Fähnchen der Jungen Pioniere. Auch hinter der Bühne bereitet er sorgfältig jene Objekte vor, die im Verlauf der Aufführung zum Einsatz kommen werden. In diesem Zusammenhang berichtet er, dass Umbauten während laufender Vorstellungen oft nur eingeschränkt möglich sind. Aufgrund begrenzter personeller Ressourcen stehen in ihren Spielstätten meist lediglich zwei Requisiteur*innen zur Verfügung, weshalb teilweise auch die Schauspielenden selbst in Umbauprozesse eingebunden sind.

Im Gespräch erklärt Frank, dass die Requisitenarbeit bei einer Produktion bereits zu Beginn der Proben mit einer ersten Liste beginnt. Im Verlauf des Probenprozesses werden Requisiten beschafft, angepasst und mit den anderen Gewerken abgestimmt. Etwa drei Wochen vor der Premiere findet eine Requisitenbesprechung statt. Bei der sogenannten „AMA“-Probe (‚alles mit allem‘) kommen schließlich erstmals Kostüme, Maske und Requisiten gemeinsam zum Einsatz.

Frank berichtet auch von seinem beruflichen Werdegang und seinen handwerklichen Erfahrungen. Besonders schätze er an seinem Beruf die fehlende Routine, denn jeder Tag verlaufe anders und feste Abläufe gebe es kaum. Diese Unvorhersehbarkeit empfindet er als positiv, auch wenn es sehr arbeitsintensive Phasen gebe.

Für DAS SCHWEIGENDE KLASSENZIMMER wurde laut Frank ausführliche Recherchearbeit betrieben. Das Stück basiert auf historischen Ereignissen und erzählt die Geschichte einer Schulklasse in der DDR. Viele der verwendeten Requisiten orientieren sich deshalb an historischen Vorbildern. Frank zeigt mir Nachbildungen von Stasi-Akten und erklärt, dass für deren Gestaltung originale Dokumente recherchiert wurden. Die charakteristischen orangefarbenen Hefter wurden anhand historischer Vorlagen nachgebildet, während Stempel eigens angefertigt und historischen Originalen nachempfunden wurden. Die authentische Wirkung sei wichtig, da das Publikum sehr nah an der Spielfläche sitze und die Objekte genau wahrnehme. Zu den auffälligsten Requisiten gehören zudem Overheadprojektoren und eine Schreibmaschine aus der Zeit der Handlung, die sowohl zur Darstellung als auch als Lichtquelle im Bühnenbild dienen. Damit wird deutlich, dass Requisiten sowohl historische als auch dramaturgische Funktionen erfüllen.

Während der späteren Stellprobe mit den Schauspielenden wird sichtbar, dass die Arbeit der Requisite nicht mit dem Aufbau endet. Frank hilft beim Abkleben der Plätze der dargestellten Schulklasse und unterstützt die praktische Umsetzung der szenischen Entscheidungen. Als sich die Dramaturgin und die Schauspielenden darüber austauschen, ob die später durch Laubbläser aufgewirbelten Papierblätter bis ins Publikum fliegen sollen, merkt er an, dass dies aufgrund des Staubs nur begrenzt sinnvoll ist.

Besonders eindrucksvoll erscheint eben dieser Effekt mit den Papierblättern. Frank berichtet, dass dessen Entwicklung mit einigem Aufwand verbunden war. Zunächst habe eine Kollegin einen Laubbläser von zu Hause mitgebracht, später wurden eigene Geräte angeschafft. Dabei habe sich herausgestellt, dass nicht jedes Papier gleichermaßen geeignet sei. „Ganz frische Blätter funktionieren nicht“, erklärt er. Die Seiten müssten zuvor benutzt oder zumindest mehrfach angefasst worden sein, damit genügend Luft zwischen ihnen entstehe. Dieses Beispiel verdeutlicht, wie viel praktische Erprobung hinter einem Bühneneffekt steckt, der für das Publikum nur wenige Augenblicke sichtbar ist.

Im Gespräch betont Frank ebenfalls die Bedeutung der dokumentarischen Grundlage des Stücks. Er erzählt, dass ehemalige Schüler*innen der dargestellten Schulklasse Vorstellungen besucht hätten und die Produktion auf umfangreichen Recherchen sowie Gesprächen mit Zeitzeug*innen beruhe, wodurch das Stück eine besondere Aussagekraft erhalte. Von diesem Thema aus entwickelt sich ein Gespräch über Demokratieverständnis und politische Verantwortung. „Demokratie ist nicht nur wie ein Supermarkt, wo ich reingehe,“ erklärt er. Vielmehr verstehe er sie als eine gemeinsame Aufgabe, die aktive Beteiligung erfordere. Theater könne seiner Ansicht nach dazu beitragen, gesellschaftliche Themen sichtbar zu machen und historische Erfahrungen erfahrbar werden zu lassen.

Neben den konkreten Arbeitsabläufen fällt die enge Zusammenarbeit verschiedener Theaterabteilungen auf. Während der Wartezeiten stehen Mitarbeitende aus Technik, Kostüm und Requisite gemeinsam auf der Bühne und tauschen Erfahrungen aus. Die Atmosphäre wirkt entspannt und kollegial. In späteren Gesprächen wird außerdem deutlich, dass die historischen Themen des Stücks für einige Beteiligte nicht nur Gegenstand ihrer Arbeit, sondern auch Teil eigener Erfahrungen sind. Auch nach dem Ende der Aufführung wird die Bedeutung kollektiver Zusammenarbeit sichtbar. Noch vor dem Nachgespräch mit dem Publikum werden die zahlreichen Papierblätter auf der Bühne eingesammelt und die Requisiten hinter die Bühne gebracht. Das Aufräumen erfolgt bemerkenswert schnell, da neben Mitarbeitenden aus Technik und Kostüm auch einzelne Besucher*innen beim Einsammeln der Papierblätter helfen. Die routinierten Abläufe vermitteln den Eindruck eines eingespielten Teams, in dem Verantwortung auch über die Grenzen einzelner Arbeitsbereiche hinaus geteilt wird.

Die Beobachtung zeigte, dass die Tätigkeit eines Requisiteurs weit über das Bereitstellen von Gegenständen hinausgeht. Sie umfasst Recherche, Planung, handwerkliche Arbeit sowie die Abstimmung mit anderen Bereichen des Theaterbetriebs. Requisiten fungieren hier als materielle Verweise auf die DDR-Vergangenheit und tragen zur historischen Verortung der Inszenierung bei. Die teilnehmende Beobachtung eröffnete so Einblicke in Arbeitsprozesse, die dem Publikum meist verborgen bleiben, für die Wirkung einer Theateraufführung jedoch zentral sind. Besonders sichtbar wurde das Zusammenspiel aus organisatorischer Präzision, handwerklichem Können, historischem Bewusstsein und kreativer Improvisationsfähigkeit als Grundlage der Tätigkeit des Requisiteurs.

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